Das posturale System - Ein kybernetisches Gleichgewichtssystem
Das posturale System: Ein kybernetisches Gleichgewichtssystem (Dr. Antonio Fimiani)

Die ersten Untersuchungen zum posturalen System finden sich schon im 18. Jahrhundert, aber erst 1890 wurde durch den Arzt Karl Vierordt in Berlin die erste Posturologie-Schule gegründet. Schon 1860 hatte Vierordt begonnen, die Körperhaltung mit der Schwerkraft in Verbindung zu bringen.

Der Mensch ist ein offenes, dynamisches, komplexes anpassungsfähiges und chaotisches System. Sein Körper muss sich von Geburt an mit  der Schwerkraft und dem Widerstand der Erde auseinandersetzen. Dafür besitzt der Mensch das posturale System, welches autonom und unbewusst die Körperhaltung in jeder Situation aufrecht hält bzw. anpasst.

Die Informationen für die aufrechte Haltung erhält das posturale System vor allem von den Sinnesorganen (Augen, Füße, Haut) und den Muskelketten. Da die Muskeln  gleichzeitig die Motoren dieses System sind, arbeitet das posturale System wie ein kybernetisches System, in dem die Haltung während des motorischen oder lokomotorischen Aktes ständig und automatisch angepasst wird. Diese ständige und automatische Adaptation, die auf verschiedenen Ebenen des Nervensystems gesteuert wird, wird auch als posturale Reaktivität bezeichnet. Die posturale Reaktivität, welche unser System automatisch und ständig aktiviert, basiert auf der hohen Sensibilität seiner Rezeptoren gegenüber allen äußeren Einflüssen. Um die posturalen Reaktionen jedoch immer bestmöglich ausführen zu können, muss das somatosensomotorische-sensorielle System vollständig ausgereift sein. 1955 konnte der französische Physiologe Dr. Baron tierexperimentell nachweisen, dass eine kleine Abweichung des Augapfels eines Fisches dazu führte, dass das  Rückgrat des Fisches sich adaptiv verkrümmte.

1970 entdeckte dann der französische Neurologe Dr. med. Bourdiol  rein zufällig, dass schon eine geringe Erhöhung unter den Füssen ausreichte, um die Körperhaltung zu verändern. 1980 gelang es dem französischen Zahnarzt Dr. Fournier nachzuweisen, dass auch das stomatognathe System bzw. der Zahn- Kieferrezeptor ebenfalls diese hohe Sensibilität besitzt. Ein zwischen die Zahnreihen gelegter dünner Zellophanstreifen war ebenfalls in der Lage, unmittelbar eine Adaptation im posturalen System auszulösen.

Aber erst die zahlreichen Experimente des französischen Neurophysiologen Prof. Roll in Zusammenarbeit mit Prof. Bricot haben die besondere Bedeutung der einzelnen Rezeptoren für die Körperhaltung und ihre wechselseitigen Abhängigkeiten voneinander, aufzeigen können.

Dank ihres Forschungsdrangs und ihrer Experimentierfreudigkeit  kennen wir heute die Funktionsweise und die Pathologie des posturalen Systems und wissen, wie wir dieses kybernetische System beeinflussen können, um es zurück in sein optimales Gleichgewicht zu bringen.
 
Antonio Fimiani
 


  • Studium der Medizin in Neapel
  • Spezialisierung auf Physiotherapie (1986) und Hydrologie (1990)
  • seit 1987 ärztlicher Leiter thermaler und physiotherapeutischer Zentren in Ischia
  • seit 2000 Forschung in Posturologie
  • seit 2002 Mitarbeiter von Prof. B.Bricot
  • seit 2006 Lehrtätigkeit im Bereich Posturologie
  • bis 2007 Vizepräsident CIES-Italia
  • Facharzt für Physiotherapie, Posturologe