Literaturrecherchen

Hans J. Schindler

Wissenstransfer und Praxis

Nur die etwas ältere Generation der Praktiker wird sich an die Gesundheitsreform unter dem damaligen Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Herbert Ehrenberg, im Jahre 1981 erinnern. Damals wurde ex cathedra angeordnet, dass im sozialmedizinischen Bereich als Basis für Keramikverblendungen Spargoldlegierungen eingesetzt werden müssen. Dies war der größte jemals durchgeführte zahnärztliche Feldversuch auf Kosten der Behandler und natürlich auch der Patienten. Warum Feldversuch? Nun, bis zum Zeitpunkt der Anordnung – und noch bis ca. 2 Jahre danach – gab es keine Untersuchung, die gezeigt hätte, dass die Qualität des Metall-Keramik-Verbunds anerkannten Richtlinien gehorcht und langfristig funktioniert.

Manchen Kollegen sind sicherlich auch die Feldversuche mit den Vollkeramik-Systemen Cerestore und Dicor noch schmerzlich in Erinnerung, die nach befristeter, rund 2-3-jähriger Standzeit serienweise Ermüdungsfrakturen zeigten.
Man könnte diese Geschichte ohne Ende weiter schreiben, und dies nicht nur für material- und werkstoffkundliche Aspekte der Zahnheilkunde. Was läuft oder lief hier in falschen Bahnen? Im Gegensatz zu Medikamenten gibt es bei zahnärztlichen Materialien keine verbindlichen Vorschriften, die eine exakt strukturierte klinische Überprüfung der auf den Markt gekommenen bzw. dort befindlichen Produkte einfordern. Das Medizinproduktegesetz schreibt zwar seit 1995 Konformitätsprüfungen durch den Hersteller vor, d.h., dass dieser zur CE-zertifizierten Neueinführung von Klasse-IIa/b-Produkten (z.B. Legierungen) eine „statistisch angemessene Anzahl“ Anwendungen des Produktes klinisch überprüfen muss. Diese Überprüfungen sind jedoch oft weit von dem entfernt, was wissenschaftlich gut fundierte Studien auszeichnet.

Wie kann der betroffene Praktiker dieses Dilemma – zumindest teilweise – überwinden oder wenigstens mildern?
Denkbare Lösungsmöglichkeiten wären:

  • Er informiert sich bei einem Kollegen, der das Produkt schon längere Zeit anwendet, darüber, welche Erfahrungen er gemacht hat.
  • Er befragt viele Kollegen, von denen er weiß, dass sie Anwender sind, zum Sachverhalt.
  • Er konsultiert einen für das entsprechende Fachgebiet Gebiet anerkannten „Experten“.
  • Er wartet, bis Bücher darüber geschrieben wurden.
  • Er sucht in Bibliotheken nach verlässlichen Artikeln über wissenschaftliche Studien, die das Produkt angemessen in vitro und in vivo untersucht haben.

Sicherlich ist die beste Lösung (der allerdings am seltensten eingeschlagene Weg) der letzte Vorschlag, da der Wissensschatz der medizinischen Bibliotheken heute über weitestgehend freie Internet Zugänge abrufbar ist. So ist das gebündelte Wissen zu allen nach wissenschaflichen Kriterien untersuchten Fragestellungen mit dem geringsten Zeitverzug ad hoc verfügbar. Ohne dieses Hilfsmittel dauert der Transfer gesicherten Wissens in die Praxis in der Regel bis zu 10 Jahre und mehr. Allein schon die Tatsache, dass zu einer bestimmten Fragestellung z.B. keine Studien durchgeführt wurden, kann oft dazu beitragen, den Einsatz eines Produkts oder Verfahrens mit angemessener Zurückhaltung und Vorsicht anzugehen, selbst wenn dieses von Herstellen oder anderen Nutzern vollmundig angepriesen wird. Der einzige, allerdings überwindbare Nachteil ist, dass man der englischen Sprache etwas mächtig sein muss; denn die verfügbaren Abstracts sind in den allermeisten Fällen in englischer Sprache abgefasst.

Natürlich kann dem entgegengehalten werden, dass wir doch auch praktische Erfahrungen von Experten oder langjährigen Anwendern nutzen können und dies ja auch in der „vorwissenschaftlichen Zeit“ unablässig getan haben. Das ist richtig und in vielen Fällen in der Tat die einzige Informationsquelle. Solche Informationen sind allerdings nur begrenzt valide, da sie, was z.B. die praktische Erfahrung anbelangt, von einer Reihe individueller Variablen abhängig sein können, die eine allgemeingültige Schlussfolgerung nicht zulassen. Bleibt man bei Dentalkeramiken, so ist meist nicht gesichert, dass Verfahrensvorschriften wirklich genau eingehalten wurden oder statistisch relevante Stückzahlen oder Inkorporationszeiten vorliegen. Im Falle der Experteninformation ist oft nicht klar, ob sie auf der Grundlage von eigenen Experimenten, systematischem Literaturstudium oder auf der Basis eher subjektiver Erfahrungen entstanden sind. Will man also die verlässlichste Information, bleibt nur das Studium der wissenschaftlichen Literatur, da „wissenschaftlich“ bedeutet, dass die Untersuchungen nach weltweit anerkannten Regeln durchgeführt wurden. Solche Regeln dienen dazu, die oben genannten Verzerrungen von Beobachtungen weitgehend auszuschließen. Doch auch hier bleibt unser kritischer Geist gefordert, da die Analyse der wissenschaftlichen Methoden ab und an zeigt, dass auch hier nicht alles Gold ist was glänzt.

Im Folgenden sollen einige grundlegende und einfach nachvollziehbare Schritte vorgestellt werden, die das Nutzen wissenschaftlicher Informationsquellen sofort möglich machen.

Direkter Internetzugang auf die Startseite von PubMed:

  1. www.pubmed.govoder
    Google anwählen und pubmed in das Suchfenster eingeben.
  2. Ein oder mehrere Schlüsselwörter in englischer Sprache in die Eingabezeile schreiben und „Go“ drücken. Die gewünschte Literatur wird nach Erscheinungsdatum gelistet ausgegeben. In unten stehendem Beispiel („ceramic crown“) erhielt man (am 20. März 2007) 2987 Treffer.



  3. Doppelklick auf die blau markierten Autorennamen liefert die Kurzzusammenfassung des Beitrags (Abstract) und manchmal auch den gesamten Volltext des Artikels (oranger und/oder Balken auf dem Blätter-Piktogramm), sowie Hinweise thematisch nahe stehender Beiträge („Related Articles“).



    Voilà, dies sind die wesentlichen Zugangsgrundlagen!

Feinheiten wie Eingrenzen der Treffer durch zusätzliche Schlüsselworte kann man sich über das auf der Startseite ausgewiesene Tutorial und mit etwas Übung aneignen.

Sollte tieferes Interesse bei den Lesern vorhanden sein, wäre es möglich für zukünftige „Rechercheprofis“ ein Seminar zu organisieren.

Als weitere Empfehlung sei auf die EbM-Splitter in der Deutschen zahnärztlichen Zeitschrift verwiesen, die sich mehrmals mit Pubmed beschäftigt haben. Als kostenfreier Volltext sind sie erhältlich unter: www.dzz.de → Zeitschriften → Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift → Praxisletter/EbM-Splitter

Und nun: Viel Vergnügen beim Recherchieren!