Verwindung UK Abdrucknahme

Die Verwindung des Unterkiefers während der Abdrucknahme und ihre Auswirkung auf okklusale Interferenzen


Einleitung und Problemstellung


Viele Untersuchungen sind über das elastische Deformationsverhalten der Mandibula unter der Funktion durchgeführt worden. Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß die Unterkieferspange während der Kieferbewegung eine Verwindung erleidet, bedingt durch die Zugkräfte der Kau- und Mundbodenmuskulatur.

So beschreiben T.W.P. Korioth und A.G. Hannam 21,22 eine komplexe Deformation, die eine rotationsmäßige Verwindung der Corpora um ihre Längsachse beschreibt und außerdem eine parasagittale und transversale Verformung.
Autoren wie Jung 16,17,18, McDowell und Regli 25 und andere beschreiben eine Abnahme der unteren Zahnbogenbreite bei der Mundöffnung.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll die Untersuchung der Auswirkungen auf die Okklusion und die Beschreibung der Konsequenzen für eine gnathologische Behandlung sein.

Allgemeiner Teil

Literaturüberblick

Seit langem schon haben sich Untersuchungen mit dem elastischen Verhalten des Unterkiefers während der Funktion beschäftigt. Die unterschiedlichsten direkten und indirekten Meßverfahren kamen dabei zur Anwendung. Man weiß, daß es während der Unterkiefer-Vorschubbewegung und bei weiter Mundöffnung zu einer Torsion des Corpus Mandibulae kommt. Die transversale Zahnbogenbreite verringert sich, im Molarenbereich stärker als im Bereich der Prämolaren. Dieser Tatsache schreibt man zu, daß sich größere weitspannige Brückenarbeiten im Unterkiefer-Seitenzahnbereich lockern, daß es zu parodontalen Schäden im Bereich weitspanniger Brücken kommt oder daß es zu Lockerung oder Verlust von Implantaten kommt.

T.W.P. Korioth und A.G. Hannam 21,22 beschreiben eine komplexe Deformation, die eine rotationsmäßige Verwindung der Corpora um ihre Längsachse beschreibt, vergesellschaftet mit einer parasagittalen und transversalen Verformung.
Einige Autoren beschreiben eine Abnahme der unteren Zahnbogenbreite bei der Mundöffnung und Protrusion (Jung 16,17,18, 1957, 1959, 1960; McDowell und Regli 25, 1961; Osborne und Tomlin 28, 1964; Regli und Kelly 29, 1967; DeMarco und Paine 3, 1974; Fischmann 4, 1990).

Tierexperimente haben gezeigt, daß das Säugetier-Unterkiefer-Corpus sich während der Funktion transversal, parasagittal und rotationssymmetrisch verformen kann, und zwar isoliert, kombiniert, einseitig oder auch beidseitig (Kakudo et al. 19, 1973; Weijs und DeJongh 32, 1977; Hylander 9,10,11, 1977, 1979 a, b; Hylander und Bays 12, 1979; Hylander und Crompton 13, 1986; Hylander et al. 14, 1987). Hylander (1979a) 11 beschreibt die Verformung bei Makaken bei einseitigem Beißen. Der Unterkiefer verformt sich um seine Längsachse auf der Arbeitsseite. Diese rotatorische Verformung könnte einen variablen transversalen Effekt auf den Zahnbogen haben.

Jung (1960) 16 bestimmte die transversale Zahnbogenverschmälerung. Es zeigte sich eine größere Verschmälerung in den höheren Zahnanteilen der Molaren als in den tiefer liegenden. Jung schloß daraus, daß die Unterkieferkorpora um ihre Längsachse rotieren mußten, wobei sich die Zähne bei der Mundöffnung und der Protrusion nach lingual bewegten.
Verschiedene Studien, die sich mit mediolateralen Zahnbogendimensionen beim Menschen beschäftigten, zeigten eine Kieferdeflexion im Molarenbereich, die regelmäßig stärker war bei der Protrusion als bei der Mundöffnung (Jung 16,17,18, 1957, 1959, 1960; McDowell und Regli 25, 1961; Osborne und Tomlin 28, 1964; Regli und Kelly29, 1967; DeMarco und Paine 3, 1974; Fischmann 4, 1990).

Viele Autoren beschäftigten sich mit dieser Problematik im Zusammenhang mit Implantaten und darauf verankerten festsitzenden Fixturen.

B. Koeck und G. Sander 20 weisen darauf hin, daß es bei Abformungen der Unterkieferzahnreihe bei maximaler Mundöffnung oder Muskelaktivität während der Abformung zu bleibenden Verfälschungen der Zahnstellung der Arbeitsmodelle kommen kann, die reproduzierbar sind. Damit werde der diagnostische Wert von Modellananlysen sehr fraglich. Sie weisen auf eine Verschmälerung der transversalen Zahnbogenbreite während der Mundöffnung hin.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren stellen sie aber bei der Protrusion eine reproduzierbare Verbreiterung der Zahnbogenbreite im Molarenbereich fest.

Verantwortlich für diesen Effekt machen sie horizontale nach einwärts gerichtete Kräfte des M. Pterygoideus Medialis, der am inneren Kieferwinkel zieht und somit das Unterkieferkorpus nach außen verwindet.

H. Marx 24 stellte mittels induktiver Wegaufnehmer, die mittels Osteosyntheseschrauben direkt am Kieferknochen im Kieferwinkel- und Kinnbereich befestigt waren, fest, daß bei praktisch allen Unterkieferfunktionen Knochendeformierungen entstehen. Selbst schon ein normales Leerschlucken rufe eine minimale Deformierung hervor.

Er stellte auch fest, daß das Unterkieferkorpus sich z. B. beim frontalen Abbeißen auch in vertikaler Richtung durchbiegt. Er wirft die Frage auf, wie weit die festgestellten physiologischen Knochendeformierungen auf die Zähne des Unterkiefers übertragen werden.

Beim Zusammentreffen von extrem großen Deformationsbewegungen, wie z. B. bei maximaler Protrusion, mit einer weitgespannten Seitenzahnbrücke mit u. U. Frontzahnüberspannung, könne es durchaus zu parodontalen Schäden an überbelasteten Pfeilerzähnen kommen, da die durch die Verblockung immobilisierte Zahnwurzel nicht mehr genügend Spielraum habe.

Schon 1967 untersuchten C.P. Regli und E.K. Kelly 29 die Verwindung des Unterkiefers bei der Mundöffnung. Sie verglichen Modelle, die nach Abdrucknahme bei möglichst geschlossenem Mund und bei maximal geöffnetem Mund erstellt worden waren. Sie bewiesen eine Änderung der Zahnbogenbreite bei der Mundöffnung, besonders in der Molarenregion. Sie stufen diese Veränderungen in einer Größenordnung ein, daß das Ausmaß der mandibulären Distorsion durchaus den Sitz einer Teilprothese beeinträchtigen könne oder eine Spannung bei einem festsitzenden Ersatz erzeugen könne. Sie stellen ebenso heraus, daß es nicht nur zu einer Verschmälerung der Unterkieferspange, sondern auch zu einer Torque-Bewegung des horizontalen Astes komme.

Diese Torque-Bewegung sei wesentlich höher zu bewerten als eine simple lineare Zahnbogenverschmälerung. Sie empfehlen auf Grund ihrer Erkenntnisse eine Abformung bei möglichst geschlossenem Mund vorzunehmen und raten von weitspannigen Verblockungen ab.

Im Unterschied zu dieser Untersuchung, die sich mehr mit der Zahnbogenbreite bei statischen Positionen beschäftigte, untersuchte J.G. Burgh 2 die dynamischen Zahnbogenbreitenänderungen während der Unterkieferbewegungen. Er beschreibt bei der Mundöffnung eine sofort beginnende Zahnbogenbreitenverkleinerung, die sich kontinuierlich bis zur maximalen Mundöffnung steigert. Beim Schließen wird wieder der Ausgangswert erreicht. Bei der Protrusion beschreibt er im Gegensatz zu Koeck 20 eine kontinuierliche Zahnbogenverschmälerung.

Wird der Kiefer weiter in Protrusionsstellung gehalten, nimmt die Verschmälerung etwas ab. Das Ausmaß der Zahnbogenverschmälerung bei der Protrusion ist größer als bei der Mundöffnung.

Ebenfalls kam es bei Widerstand gegen Druck auf einen der Unterkieferschneidezähne zu einer Verkleinerung der Zahnbogenbreite.

Er ergänzt, daß die Zahnbogenbreite zwar im Zusammenhang zu der Kieferposition stehe, daß sie jedoch am meisten von der mandibulären Muskelaktivität abhänge.

So kontrollierte er elektromyographisch die Aktivität der Mm. Temporales Posteriores und der suprahyoidalen Muskulatur und brachte dies in Beziehung zur Unterkiefer-Zahnbogenweite. Er untersuchte simultan die EMG-Aktivität der Muskulatur und die Veränderung der Unterkiefer-Zahnbogenweite.

So zeigte er, daß die Bogenweite z. B. beim retrudierten Beißen auf ein Orangenholz ebenfalls abnimmt. Er mutmaßt, daß für diese Bogenweitenabnahme in erster Linie die Mm. Pterygoidei  verantwortlich seien.

Der M. Pterygoideus Lateralis fungiert laut McNamara 26 als Antagonist, der die Aufgabe hat, Condylus und Discus gegen das Tuberculum Articulare zu stabilisieren. Er zeigt deshalb bei Schließbewegungen wie z. B. beim Pressen starke EMG-Aktivität.

Die Verschmälerung der Zahnbogenweite z. B. während der Abdrucknahme (Mundöffnung, Muskelaktivität z. B. bei ängstlichen, würgenden Patienten) erklärt, warum z. B. ein Unterkiefermodell nicht genau in ein zentrisches Registrat paßt.
Burgh betont die Bedeutung der Bogenweite bei der Registrierung der Zentrik. Die Retrusion des Unterkiefers in die sogenannte „Zentrische Condylenposition“ führt zu einer Vergrößerung der Unterkieferbogenweite. Es ist daher zu vermuten, daß die Kondylen in der RKP doch nicht in der optimalen Mittellage sind. Denn der Intercondylarabstand ist in der Ruheschwebe geringer als in der RKP.

Seine Experimente zeigen deutlich, daß die meisten Unterkieferbewegungen eine Verkleinerung der transversalen Zahnbogenbreite bewirken. Das Ausmaß der Verschmälerung hängt ab von der Weite der Bewegung.
Bei der Abdrucknahme sollte darauf geachtet werden, daß keine protrusive Stellung eingenommen werde oder der Behandler Druck nach kaudal ausübe.

R.J. Goodkind und C.B. Heringlake 6 zitieren Jung, der die Munbodenmuskulatur und die lateralen Pterygoid-Muskeln dafür verantwortlich macht, daß die Unterkiefer-Zahnbogenbreite sich während der Mundöffnung und –Schließung verändert. Auch sie beschreiben eine kontinuierliche Zahnbogenbreitenabnahme während der Mundöffnungsbewegung. Sie räumen ein, daß es sich sicherlich nicht um eine simple Zahnbogenverschmälerung handle, sondern um eine komplexe dreidimensionale Torque-Bewegung.

Auch sie sehen die Mm. Pterygoidei Laterales als die Hauptverantwortlichen für die Torque-Bewegung der Mandibula. Sie kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie Regli und Kelly 28.

Die Aussagen Burghs werden durch die Untersuchungen von G.N. Gates und J.J.Nicholls 5 bestätigt. Sie betonen, daß das Ausmaß der Zahnbogenveränderung individuell unterschiedlich ist und von intrinsischen und extrinsischen Kräften abhängt.

Sie bestätigen, daß maximale Mundöffnung, Protrusion und Kaukräfte eine Abnahme der Zahnbogenbreite verursachen. Sie stellen heraus, daß horizontale retrudierende Kräfte auf die Mandibula zum Registrieren der zentrischen Kieferrelation eine Zunahme der Zahnbogenbreite bewirken.

Bei der Kieferabformung sollte man darauf achten, daß der Unterkiefer nicht protrudiert wird und die Mundöffnung unter 20 mm betragen sollte, um das Ausmaß der Änderung der Unterkiefer-Zahnbogenweite zu minimieren.

Niederdellman u. a. 27 stellen aufgrund ähnlicher Erkenntnise den diagnostischen Wert von Modellanalysen in Frage.
M. Horiuchi, T. Ichikawa, M. Noda und N. Matsumoto 8 bestimmten das Ausmaß der Unterkieferkorpus-Verwindung mit Hilfe von zwei osseointegrierten Implantaten, die ca. 10 mm voneinander entfernt standen. Bei allen Probanden kippte das distale Implantat relativ zum mesialen Implantat nach lingual. Die Abweichung war bei der Protrusion des Unterkiefers größer als bei Mundöffnung. Die lineare Abweichung der beiden Implantate lag bei maximaler Mundöffnung in der Größenordnung von  8 bis 25 µm und von 10 bis 37 µm bei der Protrusionsbewegung.

T.M. Van Eijden 31 beschreibt beim Beißen und unter der Kauarbeit eine Kombination aus einem Verbiegen in der Sagittalen, einer Korpusrotation und einer Verbiegung in der Transversalen.

A.A. Grant 7 mißt eine mediale Verwindung der Mandibula in der Horizontalebene. Er konnte zeigen, daß sich die beiden Hälften der Mandibula bei der Mundöffnung, dem Herausstrecken der Zunge, bei der Protrusion des Unterkiefers nach medial zueinander annäherten. Während des Sprechens kommt es zu einer komplexen Verwindung nach medial mit divergierenden und konvergierenden Komponenten.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß das dynamische Verhalten der Unterkieferspange hinreichend untersucht worden ist. Es kommt während der Unterkieferbewegungen zu einer Verwindung des horizontalen Kieferanteils mit einer Verschmälerung der transversalen Breite und einer lingualen Torque-Bewegung.

Die Abbildung 1) zeigt zusammengefaßt die Deformierungen, die die Unterkieferspange unter der Funktion erfährt.

Neben einer rotatorischen Inversion der Corpora um ihre Längsachse kommt es zu einem Verbiegen in der Sagittalen und einer Verbiegung in der Transversalen.

Jung zeigte, daß sich hierbei auch die Zähne nach lingual bewegten. Die Auswirkungen auf die Okklusion und die Aussagefähigkeit von Modellanalysen sind evident, wurden bisher aber noch nicht untersucht und beschrieben.
In der vorliegenden Arbeit soll deshalb versucht werden, die Auswirkungen der Unterkieferverwindung auf die tatsächliche Kontaktsituation zu untersuchen und zu beschreiben.

Abb. 1) Deformation der Mandibula unter der Funktion

Spezieller Teil

Material und Methode

In dieser Studie wurden 10 vollbezahnte Patienten untersucht. Eine ein- bis zweispannige Brückenversorgung im Oberkiefer wurde als vollbezahnt akzeptiert. Im Unterkiefer jedoch mußten Zähne in allen vier Stützzonen vorliegen. Es wurden keine Patienten in die Untersuchung einbezogen, die eine Brückenversorgung oder verblockte Kronen im Unterkiefer vorwiesen.

Es wurden zunächst Abformungen des Oberkiefers und Unterkiefers durchgeführt bei normaler mäßiger (ca. 1-fingerbreiter) Mundöffnung. Die Abformung im Oberkiefer erfolgte mittels Alginat, im Unterkiefer mittels Doppelmischabformung mit einem festen knetbaren A-Silikon und einem dünnfließenden A-Korrektursilikon. Nach Modellerstellung wurden die Oberkiefermodelle nach der von R. Schöttl 30 beschriebenen Hip-Mount®-Technik montiert und der Unterkiefer freihändig in maximaler Intercuspidation dagegen artikuliert. Es wurde bewußt keine Bißregistrierung verwendet, da hier nicht die Bißlage, sondern die direkte Einwirkung der Abformtechnik auf die Kontaktpunkte zum Gegenbiß untersucht werden sollte.

Nach Montage wurde der Schneidezahnführungsstift entfernt und die Okklusionskontakte mittels roter einseitig beschichteter 0,8 µm Hanel-Folie im Ober- und Unterkiefer markiert. Anschließend wurde auf dem Unterkiefermodell mittels 0,8 mm dicker Tiefziehfolie und lichthärtendem Funktionslöffelkunststoff ein individueller „gnathologischer“ Abformlöffel erstellt, der bis auf 0,8 mm einen vollständigen entspannten Mundschluß zuließ. Die Verwindungssteifheit wurde durch paraokklusales Löffelmaterial gewährleistet. Zur Retentionsverbesserung des Abformmaterials wurde der Löffel auf der Innenseite sandgestrahlt und vor der Abformung mit einem Silikon-Haftspray beschickt.

Die Abb. 2) zeigt einen solchen individuellen „gnathologischen“ Löffel. Die Abbildungen 3) und 4) zeigen den Zusammenbiß ohne und mit eingesetztem gnathologischen Löffel.

Dann erfolgte eine zweite Abformung des Unterkiefers mittels diesem Löffel mit einem dünnfließenden A-Silikon. Der Patient wurde angewiesen, mit dem eingesetzten Löffel einmal in maximaler Interkuspidation zu schließen und dann entspannt den Mund geschlossen zu halten.

Das aus dieser Abformung gewonnene Modell wurde dann ebenfalls freihändig gegen den bereits montierten Oberkiefer in maximaler Verzahnung einartikuliert.

Anschließend wurden die okklusalen Kontaktpunkte mittels grüner Artikulationsfolie ebenfalls im Ober- und Unterkiefer markiert.
Die aus beiden Montagen gewonnenen Kontaktpunktmarkierungen wurden in einem „Okklusogramm“ nebeneinander aufgezeichnet und miteinander verglichen.

Abbildung 6) zeigt den Befundbogen zur Aufzeicnung des „Okklusogramm“.

Es wurde die Anzahl der korrespondierenden Kontaktpunktpaare gezählt und verglichen und die Lage der Kontakte beschrieben. Die Abbildung 7) zeigt beispielhaft eine typische Aufzeichnung eines Okklusogramms.

Ergebnisse

Die folgende Tabelle zeigt die Anzahl der Kontakpunkte bei der anatomischen und der gnathologischen Abformung im direkten Vergleich.

Anzahl der Kontaktpunktpaare

Pat-Nr.Anzahl Kontakte
Anatomische Abformung
Anzahl Kontakte
Gnathologische Abformung
134
225
355
444
574
634
735
856
936
1046
Gesamt3949

Die Tabelle zeigt deutlich den Trend, daß die Zahl der markierten Kontaktpunkte bei der gnathologischen Abformung größer ist. Dies läßt sich so interpretieren, daß bei der konventionellen Abformtechnik durch die Verwindung des Unterkieferkorpus viele Zähne unter das Kontaktniveau gekippt werden. Bei der mundgeschlossenen Abformung werden die Zähne aufgerichtet und kommen in Kontakt.

Diskussion

Das dynamische Verhalten des Unterkiefers unter der Funktion wurde von vielen Autoren eingehend beschrieben. So beschreibt J. Burgh 1,2 bei der Mundöffnung eine sofort beginnende Zahnbogenverkleinerung, die sich kontinuierlich bis zur maximalen Mundöffnung steigert. Er betont, daß die Zahnbogenbreite zwar in Zusammenhang zu der Kieferposition stehe, daß sie jedoch am meisten von der mandibulären Muskelaktivität abhänge. Er kontrollierte elektromyographisch die Aktivität der Mm. Temporales Posteriores und der suprahyoidalen Muskulatur und brachte dies in Beziehung zur Unterkiefer-Zahnbogenweite.

Er mutmaßt, daß die Mm. Pterygoidei in erster Linie für die Bogenweitenabnahme verantwortlich seien. Er erläutert, daß die Verschmälerung der Zahnbogenweite z. B. während der Abdrucknahme dafür verantwortlich sei, warum ein Unterkiefermodell z. B. nicht in ein zentrisches Registrat passe. Er betont die Veränderung der Bogenweite bei der Registrierung der Zentrik.

In der vorliegenden Studie wurden bei 10 Patienten im Oberkiefer und im Unterkiefer zwei Abformungen durchgeführt. Die zweite Abformung im Unterkiefer erfolgte mit einem eigens angefertigten individuellen „gnathologischen“ Abformlöffel, der einen Kieferschluß bis auf ca. 0,8 mm zuließ. Es wurde besonders darauf geachtet, daß der Patient während der Abformung den Mund entspannt geschlossen hielt.

Abb. 2)

Abb. 3) Klinische Okklusion

Abb. 4) Klinische Okklusion mit eingesetztem gnathologischen Abformlöffel

Abb. 5) Gnathologische Abformung

Abb. 6) Okklusogramm

Abb. 7)

Im direkten Vergleich zeigten sich bei der Okklusionsprüfung im Artikulator mehr Kontaktpunkte bei der gnathologischen Abformung. Das Kontaktbild im direkten Vergleich der beiden Unterkiefermodelle differierte stark. Zum Großteil waren die Kontakte auf ganz unterschiedlichen Zähnen.

Die gemessenen Ergebnisse decken sich mit klinischen Erfahrungen beim systematischen Einschleifen der Okklusion. Hat man mit Hilfe konventioneller Modelle eine Einschleifliste erstellt, so markieren sich bei der klinischen Überprüfung der Kontakte ganz andere Punkte als die vorher festgestellten. Erst nach korrigierendem Einschleifen markieren sich die gleichen Punkte. Die Erklärung liegt in den dynamischen Veränderungen der Unterkieferspange. Die Zähne machen die Verwindung des Unterkieferkorpus mit und tauchen nach lingual aus der Okklusionsebene weg.

Die Feststellungen von Burgh 1,2, Grant 7, Goodkind und Heringlake 6 und vielen anderen konnten bestätigt werden. Während die bisherigen Untersuchungen die Verformung der Mandibula zum zentralen Thema machten und die Auswirkungen auf die Okklusion die logische Folgerung aus den Meßergebnissen waren, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit den Veränderungen in der Okklusion. Unter der Mundöffnung kommt es zu Änderungen der okklusalen Kontakte. Dies untermauert im Umkehrschluß die Erkenntnisse der anderen Autoren. Bedingt durch die ausreichend gesicherte Torque-Bewegung des Unterkiefer-Korpus kippen besonders die Molaren nach lingual ( siehe auch Jung, 1960 15) und erreichen im Modell nicht einmal das Okklusionsniveau.
In den folgenden Abbildungen 8) und 9) wird dies verdeutlicht

Bild 8) zeigt die Aufsicht auf ein Modell nach konventioneller Abformtechnik, Bild 9) nach gnathologischer Abformtechnik. Bei diesem Patienten waren gnathologische Aufbauten auf die Zähne geklebt worden, die im Munde so eingeschliffen wurden, daß definiert auf einem Punkt je Zahn mittig Kontakt war. Auf den Abformungen nach konventioneller Abformtechnik zeigt sich die Tendenz, daß die Kontaktpunkte mehr lateral markiert wurden als auf den gnathologichen Modellen. Die Bilder 10) und 11) zeigen dies im Detail.

In der Detailaufnahme zeigen sich die Kontakte zwar an gleicher Stelle, jedoch sitzt die Markierung mit Okklusions-Prüffolie auf dem gnathologischen Modell zentraler. In der konventionellen Abformung markiert sich der Stop mehr nach buccal als in der gnathologischen Abformung. Dies läßt sich so erklären, daß sich der Zahn bei der Mundöffnung für die konvetionelle Abformung etwas lingual geneigt hat. Im Modell ist diese Stellung festgehalten. Bei Überprüfung des Kontaktpunktes kommt die buccale Kante des leicht konkaven Kontaktpunktes etwas weiter nach lingual zu liegen und erzeugt so zum antagonistischen Oberkiefer-Höcker eine Frühkontakt. Bei der gnathologischen Abformung ist der Zahn in aufgerichteter Stellung festgehalten, so daß sich dort die weiter zentralen Anteile der konkaven Kontaktfläche markieren. Bei punktförmigen Kontakten, die auf einem Hochplateau auf einer Ebene liegen, hat die Kippung des Zahnes nicht eine so große Auswirkung, da der Kontakt nur auf dieser Ebene wandert. Handelt es sich jedoch nicht um eine Ebene, sondern um strukturierte Oberflächen mit Höckern und Fissuren und schiefen Ebenen, so hat die Veränderung der Zahnstellung wesentlich größere Auswirkungen. So kann der Kontakt von z. B. einer Höckerspitze bei der gnathologischen Abformung auf den vestibulären Abhang des Höckers geraten, was dann auch Änderungen in der vertikalen Dimension zur Folge hat. Oder es kann durch die Kippung bedingt dazu kommen, daß überhaupt keine Kontakte mehr darzustellen sind. Welche Auswirkung dies haben kann, wenn auf solch einem Modell eine Restauration hergestellt wird, ist leicht vorstellbar.

Ebenso konnten die Feststellungen von G.N. Gates und J.J. Nicholls 5 bestätigt werden.

Es läßt sich keine uniforme bei jedem Patienten gleich ablaufende Verformung erkennen, aus der sich die Veränderung der okklusalen Kontakte vorhersagen läßt. Einzig die Tatsache läßt sich herausarbeiten, daß es in jedem Fall zu Veränderungen kommt, die bei jedem aber individuell anders ausfallen.

Bei konventioneller Abformtechnik werden die okklusalen Verhältnisse der geschlossenen Kiefer nicht korrekt wiedergegeben. Deshalb muß die Wertigkeit von Modellanalysen mit großer Skepsis gesehen werden. Bedingt durch die Aufrichtung der Molaren unter dem Kieferschluß kommt es zu einer Bißerhöhung bei festsitzenden Restaurationen, die auf konventionell erstellten Modellen hergestellt wurden. Diese Tatsache wird bereits von W. Lückerath 22 betont. Dieser empfiehlt deshalb vor der Erstellung von Zahnersatz die Erstellung eines klinischen Okklusogramms. Nach Abdrucknahme und Modellerstellung müsse durch Einschleifen der Arbeitsmodelle vor Erstellung des Zahnersatzes die okklusale Situation des klinischen Okklusogramms hergestellt werden, um Bißerhöhungen der Restaurationen zu vermeiden.

Nichtsdestotrotz kommt es zu einer Aufrichtung der Molaren. Wird bei der Modellation der Restaurationen vom Techniker nicht genügend Wert darauf gelegt, die lingualen Unterkiefer-Höcker und die vestibulären Abhänge der buccalen Höcker entsprechend zu modellieren, so kommen diese Areale bei der Aufrichtung der Zähne beim Kieferschluß in Kontakt. Dies begünstigt die Entstehung von okklusalen Interferenzen der Jankelson-Klassen Ia und II.

Für die Praxis ergeben sich die folgenden Konsequenzen: Die Abformung des Unterkiefers sollte in jedem Fall mit Hilfe eines individuellen „gnathologischen“ Abformlöffels, der einen Mundschluß während der Abformung zuläßt, vorgenommen werden.

Bei der Modellation der Restaurationen sollte auf Zahn-zu-Zahn-Einpunkt-Kontakte geachtet werden, worauf diese Kontakte auf relativ horizontale, leicht konkave Ebenen zu liegen kommen sollten.
Bei der Modellation sollten die Einschleifregeln des „Groove, Spheroid and Point“ nach Jankelson beachtet werden, um von vornherein Kontakte im Bereich der Interferenz-Regionen zu vermeiden.

Es sollte, wo eben möglich, im Unterkiefer-Seitenzahnbereich auf Verblockungen jeglicher Art verzichtet werden.

Abb.8) Konventionell erstelltes Modell

Abb. 9) Gnathologisch erstelltes Modell

Abb. 10) Detailansicht des konventionellen Modells

Abb. 11) Detailansicht des gnathologischen Modells

Abb. 12) Modellierte Kronen auf dem Modell

Abb. 13) Klinische Okklusion der modellierten Kronen

Zusammenfassung

In dieser Studie wurde der Einfluß der Verwindung des Unterkiefers während der Abdrucknahme auf die Okklusion untersucht.
Es wurden bei 10 Patienten Abformungen des Ober- und Unterkiefers genommen. Anschließend wurde eine zweite Abformung des Unterkiefers mit einem individuell angefertigten „gnathologischen“ Abformlöffel genommen, der es dem Patienten erlaubte, den Unterkiefer während der Abformung entspannt zu schließen. Beide daraus erstellten Unterkiefermodelle wurden in habitueller Okklusion gegen das nach der von R. Schöttl 30 beschriebenen HIP-Mount ®-Technik montierte Oberkiefermodell einartikuliert. Anschließend wurden die okklusalen Kontaktpunkte beider Unterkiefermodelle gegen das Oberkiefermodell überprüft und miteinander verglichen.

Die Anzahl der markierten Kontakte war bei den gnathologisch erstellten Modellen eindeutig größer. Dies läßt sich so interpretieren, daß bei der konventionellen Abformtechnik durch die Verwindung des Unterkieferkorpus viele Zähne unter das Kontaktniveau gekippt werden. Bei der mundgeschlossenen Abformung werden die Zähne aufgerichtet und kommen in Kontakt.
Die Feststellungen von G.N. Gates und J.J. Nicholls 5 können bestätigt werden.

Es läßt sich keine uniforme bei jedem Patienten gleich ablaufende Verformung erkennen, aus der sich die Veränderung der okklusalen Kontakte vorhersagen läßt. Bei der konventionellen Abformtechnik werden die okklusalen Kontaktverhältnisse der geschlossenen Kiefer nicht korrekt wiedergegeben. Deshalb ist jede Diagnose, die mit Hilfe von Modellanalysen erstellt wurde, mit Skepsis zu betrachten. Wegen der Aufrichtung der Molaren beim Kieferschluß werden festsitzende Restaurationen, die auf konventionell hergestellten Modellen erstellt wurden, eine Bißerhöhung hervorrufen. Die Molaren werden sich beim Schließen des Mundes aufrichten. Wenn der Zahntechniker bei der Modellation der Kronen nicht genügend auf die Gestaltung der lingualen Höcker im Unterkiefer und der buccalen Höcker im Oberkiefer und auf die buccalen Abhänge der buccalen Höcker der Unterkiefer-Molaren und –Prämolaren achtet, werden diese beim Kieferschluß ihn Kontakt kommen, wenn die Zähne sich aufrichten. Dies begünstigt die Entstehung von okklusalen Interferenzen gemäß den Jankelson-Klassen Ia und II (R.R. Jankelson 15).

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