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Rainer Schöttl Doctor of Dental Surgery, Emory Univ., Atlanta, USA Zahnärzte werden in jüngerer Zeit vermehrt in das therapeutische Team um den Schmerzpatienten eingebunden. Die Erfolge in Schmerzzirkeln lassen das Interesse an solchen Kooperationen stetig weiter steigen. Kurioserweise kommt jüngst gerade aus der Zahnärzteschaft, wenn auch aus einem eher theoretisch denkendem Teil, die Argumentation, in der Literatur sei keine Evidenz für einen Zusammenhang zwischen der Okklusion der Zähne und der CMD (Cranio-Mandibulären Dysfunktion), bzw. diversen atypischen Schmerzen, zu finden. Selbst die häufig bewusst gewählte Terminologie „TMD“ (Temporo-Mandibuläre Dysfunktion, bzw. aus dem Englischen „Temporo-Mandibular Disorder“) scheint hier verwirrend, reduziert sie doch ein Krankheitsbild mit über Hundert Symptomen im ganzen Körper auf die Funktion zwischen zwei isolierten Knochen im Kopf. Die Schlussfolgerungen lauten dann, es bestehe keine Verbindung zwischen der Okklusion der Zähne und Dysfunktionen, bzw. Schmerzen im kraniomandibulären System. Da Wechselspiele zwischen der Okklusion der Zähne und der Kopf- bzw. Körperhaltung nicht durch Doppelblindstudien belegt seien, sei auch ein Zusammenhang mit anderen Schmerzen, z. B. im Nacken, ausgeschlossen. Eine Okklusaltherapie durch den Zahnarzt bringe nichts außer Geld- und Zeitverschwendung, und sei am besten zu unterlassen. Eine CMD sei selbstlimitierend und würde behandelt ebenso abklingen, wie unbehandelt. Ein tiefer Graben tut sich auf: Zum einen fühlt sich eine kleine Gruppe von Kollegen, welche sich die Fähigkeit zuspricht, die Aussagekraft von Studien genau einschätzen zu können, dazu berufen, einer Mehrheit, welche sich mit eben solchen Wechselspielen in der täglichen Praxis konfrontiert sieht, einzureden, solche Beobachtungen beruhen lediglich auf Suggestion. Während man in der Schmerztherapie zusehends in vernetzten Funktionskreisen denkt, während sich selbst in der Anatomie die Beweise für die vernetzte Funktion häufen , glaubt man, bei der CMD eine lokale Dysfunktion isoliert zu haben, welche in keinem Wechselspiel mit dem übrigen Körper steht. Die Konsequenz, wenn man diese Gedanken wirklich einmal zu Ende denkt, ist aber die: Ein Zahnarzt oder Kieferorthopäde, welcher im Rahmen der Schmerztherapie keinen Sinn in seiner Tätigkeit erkennen kann, disqualifiziert sich automatisch von der Partizipation in einem Schmerzteam. In einem solchen Team finden sich bereits Fachkollegen, die in der Humanmedizin, der Anästhesie, bzw. der Pharmakologie, der Neurologie, der Orthopädie, der Manuellen Therapie, der Physikalischen Therapie, der Akupunktur, etc. eine dem Zahnarzt weit überlegene Ausbildung absolviert haben. Wenn sich die Rolle des Zahnarztes tatsächlich in der Empfehlung von gelegentlicher häuslicher Anwendung von Wärme erschöpfên, so bringt er nichts in das therapeutische Team ein und macht sich selbst überflüssig. Und doch häufen sich die Berichte aus klinischen Kolloquien über ungewöhnliche Erfolge, welche eben aus einer Kooperation mit Zahnärzten resultieren. Ein Brückenschlag, ein Wort der Klärung ist nötig geworden. | Fakt ist, dass der Zahnmediziner in seiner universitären Ausbildung über das Feld der Schmerztherapie im Dunklen gelassen wird. Fakt ist ebenso, dass es in der Zahnmedizin in der Vergangenheit viele, wenn auch erklärbare, Missverständnisse über funktionelle Zusammenhänge gegeben hat, welche vielfach noch bis heute andauern. Daraus resultierten vielfach therapeutische Ansätze, welche in der Tat erfolglos bleiben müssen, und für welche, wenig überraschend, in kontrollierten Studien auch keine Evidenz dargelegt werden kann. Schließlich ist auch Fakt, dass es in der Zahnmedizin alltäglich ist, invasiv und irreversibel zu arbeiten. Zähne, wenn sie einmal extrahiert sind, können nie mehr wirklich gleichwertig ersetzt werden. Gerade beim chronischen Schmerzpatienten, bei dem sich in der Therapie durchaus der Konsens abzeichnet, irreversible Maßnahmen hinten an zu stellen, kann der Zahnarzt sogar ungewollt zu Verschlechterungen beitragen, wie vielfache Fallbeschreibungen von Schmerzpatienten mit nutzlosen multiplen Zahnextraktionen deutlich machen. Auch wenn sich selbst manche Fachkollegen nicht darüber im Klaren sein mögen, in der Zahnmedizin kommt heute noch der funktionelle Kenntnisstand der 50-er Jahre zu einer weit verbreiteten praktischen Anwendung. 1955 stellten Stuart und McCullum ein Funktionskonzept vor, bei dem der Unterkiefer sich kreisend um eine durch seine Gelenkkondylen gebildete Scharnierachse bewegt. Die „Zentrik“, also die Okklusion der Zähne, werde bei der Schließbewegung in einer Kreisbahn mit den Gelenkkondylen als Mittelpunkt, einer so genannten „zentrischen Bewegung“ erreicht. Daneben gebe es dann noch „exzentrische“ Bewegungen, welche bei Seit- und Vorschubbewegungen des Unterkiefers ausgeführt würden. Bis heute sind praktisch alle sich auf dem Markt befindlichen Artikulatoren (Geräte, welche Zahnmodelle halten und führen), nach diesem Prinzip konstruiert. Ferner ging man davon aus, dass die Kiefergelenke einen unveränderlichen Fixpunkt darstellten. McCullum hatte sie gar mit einem Rad oder Karussell verglichen, welches unveränderlich den Weg für die Spielenden (sinnbildlich für die Muskeln) vorgebe. Man ging davon aus, dass die Position der Kiefergelenke, bei der eine solche Scharnierbewegung am stabilsten darstellbar war, auch die funktionell korrekte sei. Dies war bei einer retralen Kompressionsstellung der Kiefergelenke gewährleistet, so dass man versuchte, die Okklusion der Zähne so einzustellen, dass sich die Kifergelenke in der Schlussbissstellung möglichst in dieser Position befanden. Seit den 70-er Jahren wurden (und werden teils noch!) routinemäßig auch Patienten, welche keinerlei Beschwerden hatten, durch Einschleif- oder Restaurationsmaßnahmen an den Zähnen in eine solch „konzeptionsgerechte“ Okklusion eingestellt. Eine Dunkelziffer dieser Patienten finden sich heute in der Schmerztherapie wieder! Erst gegen Ende der 70-er Jahre wurden durch Farrar in Zusammenarbeit mit McCarty, einem auf Kiefergelenke spezialisiertem Chirurgen, die erste Fehlfunktion von Kiefergelenken dargestellt und erklärt, die so genannte „reziproke anteriore Diskusverlagerung“. Eigentlich hätte bereits zu diesem Zeitpunkt das gesamte bestehende Funktionskonzept wieder aufgegeben werden müssen. Stattdessen wurde Farrar bis zu seinem Lebensende von seiner Kollegenschaft verhöhnt, wenn er davor warnte, die Okklusion so einzustellen, dass sie die Kiefergelenke in eine retrale Kompressionsstellung führt. Heute ist das Konzept der Diskusverlagerung nicht nur generell akzeptiert, sondern auch noch erheblich differenziert. Und dennoch trifft man unverändert noch immer auf die Technik, welche im Grunde auf Stuart´s Postulaten beruht. Das gewachsene funktionelle Verständnis hat also auch heute noch nicht zu einem wirklichen Paradigmenwechsel geführt! Wie aber bereits ausgeführt, finden heute aber auch zunehmend neuromuskuläre Techniken Verbreitung, welche die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Physiologie des Kausystems konsequent umsetzen. Der Einsatz solcher Techniken, reversibel z. B. mit einfachen Aufbissbehelfen implementiert, kennzeichnet die erfolgreiche Zusammenarbeit in der Schmerztherapie. Statt sich auf abstrakte Studien zu beziehen, welche im Lichte der heutigen Erkenntnis eigentlich keine Relevanz mehr besitzen, müssen gerade in der Schmerztherapie Kriterien für individuelle Evidenz etabliert werden: Simple und reversible Tests, welche im Einzelfall zeigen, ob ein Patient von einer Okklusaltherapie profitieren kann, noch bevor diese tatsächlich durchgeführt wird. Statt die Hände in den Schoß zu legen, oder die Zahnärzte auszugrenzen, stellt gerade die Schmerztherapie das Mandat im Interesse der Patienten, die weit verbreiteten empirischen Erfahrungen, welche durchaus Anlass zur Hoffnung geben, in fest etablierte Evidenz zu übertragen. Da es sich bei der Schmerzproblematik im Allgemeinen, und bei der CMD im Besonderen, meist um eine interdiszipliäre Problemstellung handelt, wo sollten hierfür die Weichen günstiger stehen, als in der DGS, welche nunmehr seit 20 Jahren das Modell der interdisziplinären Kooperation beim Schmerzpatienten entwickelt und gefördert hat? |     | Quellennachweis: - Kares H, Schindler H, Schöttl R: Der etwas andere Kopf- und Gesichtsschmerz; Craniomandibuläre Dysfunktionen CMD. ICCMO, Sektion Deutschland, e. V., 2001.ISBN3-00-008243-3
- Neuhuber W:Besonderheiten der Innervation des Kopf.Hals-Bereiches. In Biesinger E., Iro H.: HNO Praxis heute, Schwerpunkt Halswirbelsäule. Springer Verlag 2004. ISBN 3-540-00645-1
- McCullum B., Stuart C.: Gnathology A Research Report. Scientific Press 1955
- Farrar WB, McCarty WL: A Clinical Outline of Temporomandibulat Joint Diagnosis and Treatent. Normandie Publications,Montomery,USA, 1982
- Schöttl R:Mit Myozentrik gegen kraniomandibuläre Dysfunktionen.StK 20;1/2004
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