| Der 6-jährige Philipp hat ein Problem. Er kann nicht still sitzen, sich nicht konzentrieren und fällt wegen seiner Hyperaktivität in der Schule auf (Abb.1). Die Lehrer empfehlen, Phi-lipp an eine Sonderschule zu übermitteln. Die Eltern nehmen professionelle pädagogische Hilfe in Anspruch. Philipp wurde psychatrisch-psyhologisch untersucht. Es wurde neben den Lautbildungsstörungen ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) diagnostiziert und den verzweifelten und um Sorge um ihren Sohn geplagten Eltern der Anschluss an eine ADS-Elternselbsthilfegruppe empfohlen. Weiter empfahlen die Ärzte für Philipp ver-haltenstherapeutische Behandlungen, Ergotherapie, Einschulung in eine Sprachheilschule und logopädische Behandlungen. Den Eltern rieten sie, zusätzlich an einer Familien- und Erziehungsberatung teilzunehmen. Philipp mit 6 Jahren, vor Schulbeginn: - Häufig Kopfschmerzen.
- Hyperaktiv, kann nicht still halten, Konzentrationsstörungen.
- Schreibschwäche und feinmotorische Defizite.
- Lautbildungsstörungen (Verwechslung von Konsonanten).
- Hüftprobleme.
Empfehlung nach psychiatrisch-psychologischer Untersuchung: - Ergotherapie.
- Verhaltenstherapeutische Behandlung.
- Anleitung der Eltern bzgl. günstiger erzieherischer Interventionen.
- Einschulung in eine Sprachheilschule und logopädische Behandlung.
- Anschluss an Elterngruppen von Kindern mit ADS.
- Familien- und Erziehungsberatung.
Neben diesen Problemen klagte Philipp häufig über Kopfschmerzen, die Lehrerin stellt eine Schreibschwäche fest, bestimmte Lautbildungen sind ihm nicht möglich, er verwechselt die Konsonanten, ist seit langem in logopädischer Behandlung, ohne dass sich seine Sprache gebessert hätte. Außerdem weist Philipp im feinmotorischen Bereich deutliche Defizite auf. Er nimmt nicht gerne am Sportunterricht teil. Bei genauerem Nachfragen warum, teilt er mit, dass ihm beim Sport die Hüfte schmerzt (Abb.2). Was war hier geschehen? Weshalb hatte sich Philipp anders als „normale“ Kinder entwi-ckelt? Die Eltern erzählten, dass sie sich schon um Philipp gesorgt hatten, als er noch ein Baby war. Schon als Philipp auf die Welt kam, traten Probleme auf. Er hatte Verdauungs-störungen, schrie fast immer, schlief nur wenig und hielt Vater und Mutter rund um die Uhr in Atem. Als Kleinkind war er häufig krank, die Tonsillen waren oft geschwollen und ent-zündet. Als er sprechen lernte, hatte er von Anfang an Probleme damit, bestimmte Laute auszusprechen. Auffällig war der schiefe Hals, der direkt nach der Geburt aufgetreten war (Abb. 3) und wegen dessen Philipp bis zum ersten Lebensjahr über Vojta-Therapie erfolg-los behandelt wurde. Eine Behandlungspause wurde am Ende des ersten Lebensjahres auf Anraten des Kinderarztes eingelegt, obwohl der Hals immer noch schief war (Abb.3). Die Fehlhaltung des Kopfes hatte sich auf Grund nicht adäquater Therapie bis zur Ein-schulung verstärkt, die gesamte Wirbelsäule verschoben und nicht nur zu Asymmetrien in der Körperhaltung, sondern auch zu ausgeprägten Kieferfehlstellungen geführt (Abb. 2). Der Kinderbuchautor und Arzt Heinrich Hoffmann beschrieb schon 1845 in seinem Buch „Der Struwwelpeter“ einen hyperaktiven Jungen, den Zappelphilipp, der nie ruhig am Tisch sitzen konnte, immer mit dem Stuhl schaukeln musste, bis der gedeckte Tisch samt Tisch-tuch und ihm am Boden gelandet war (Abb. 4). „ Vater ist in großer Not, und die Mutter bli-cket stumm auf dem ganzen Tisch herum.“ Das Bilderbuch von Hoffmann wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und war das erfolg-reichste Kinderbuch seiner Zeit, was schon 1845 das sehr belastende Problem zeigt, dass Eltern mir unruhigen, scheinbar verhaltesgestörten Kindern hatten. Diese Hyperaktivität wurde so präg-nant beschrieben, dass die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADS) als Zappel-philipp-Syndrom bekannt wurde. Eine andere Geschichte von Hoffmann „Hans-guck-in-die-Luft“ beschreibt einen Jungen, der stän-dig in die Luft und nicht auf den Weg, den er gehen muss, sieht. Ausgelegt wird dieses Verhalten als Unaufmerksamkeit, wieder als typisches Symptom bei ADS (Abb. 5). Damit beschreibt Hoffmann ein Phänomen, das häufig durch eine funktionelle Störung im oberen HWS-Bereich hervorgerufen wird und heute unter dem Namen KISS-Syndrom (Kopfgelenkinduzierte Symetriestörung) bekannt ist. Oft wird bei Beschwerdebildern und Verhaltensstörungen, wie sie bei Philipp aufgetreten sind, nicht an eine funktionelle Stö-rung in diesem Bereich gedacht. Im Gegenteil, wenn man diskutiert, dass der Schiefhals Ursache z. B. für ein hypkerkinetisches Symptom sein könnte, zeigen sich als Reaktionen darauf häufig erstaunte und ungläubige Augen. Kinder wie Philipp werden häufig wegen ADS medikamentös und verhaltenstherapeutisch behandelt, obwohl eine einfache, kausa-le, körperliche Behandlung über die Therapie des HWS-Bereiches möglich wäre. Unter-bleibt diese Therapie, wird sich die funktionelle Fehlstellung des HWS-Bereiches auf den gesamten Haltungsapparat ausdehnen. Damit entstehen Beinlängendifferenzen, Hüft- und Schulterschiefstellungen mit den entsprechenden Beschwerdebildern wie Hüftbeschwer-den, Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen. Gerade in letzter Zeit wird häufig über unge-klärte Kopfschmerzen bei Kindern gesprochen, ohne solche Überlegungen in die Ursa-chenbetrachtung mit einzubeziehen. Nachdem Philipp von einem interdisziplinär arbeitenden Ärzteteam untersucht, das KISS-Syndrom festgestellt und behandelt wurde, verschwanden seine körperlichen Störungen, mit Ausnahme der Sprachstörungen, sehr schnell. Es traten auch keine Verhaltensstörun-gen im Sinne eines ADS-Syndroms mehr auf. Aufgrund der Fähigkeit, sich nun wieder konzentrieren zu können ohne ständig herumzuzappel steigerten sich seine schulischen Leistungen beträchtlich. Er bekam ein sehr gutes Zeugnis und niemand redete mehr über eine Versetzung an eine Sonderschule. Aber eines blieb. Die Probleme mit der Bildung mancher Laute. Warum? Die Störungen, die bei Philipp in den Jahren zuvor nicht erkannt und behandelt wurden, hatten nicht nur funktionelle Störungen in der gesamten Wirbelsäule verursacht. Sie trugen auch dazu bei, dass eine physiologische Gebissentwicklung unmöglich und für die Zunge zu wenig Platz war (Abb. 6). Der obere HWS-Bereich steuert nicht nur alle Körperfunktionen, sonder steht auch in di-rekter reflektorischer Wechselbeziehung zur Stellung der Kiefergelenke und beeinflusst sehr stark die Kieferentwicklung (Abb. 7). Eine Fehlfunktion in diesem Bereich muss also zwangsläufig zu einer Fehlfunktion und Fehlentwicklung im Kiefer führen, wie es bei Phi-lipp auch der Fall ist (Abb. 8a, b). So hatte sich ein ausgeprägter Raummangel im Ober- und Unterkiefer entwickelt, der we-der für die Zähne, noch für die Zunge genügend Raum bieten kann. Die Zunge musste sich ihren Weg nach vorne suchen und bewirkte funktionell einen frontal offenen Biss. Auf Grund dieses Raummangels blieben auch die, über zwei Jahre hinweg praktizierten, logo-pädischen Bemühungen erfolglos. Wenn die Zunge keinen Platz hat, ist richtiges Ausspre-chen nicht möglich und bestimmte Laute können nicht korrekt geformt werden. In solchen Fällen ist dringen eine funktionskieferorthopädische Behandlung angesagt, die bei Philipp auch unverzüglich eingeleitet wurde. Erst wenn sich die Raumverhältnisse verbessert ha-ben, ist eine weitere logopädische Behandlung angesagt und dann sicher nicht mehr zum Scheitern verurteilt, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Selbstverständlich ist es erforderlich, parallel zu den bereits eingeleiteten Maßnahmen die funktionell bedingten Haltungsprobleme über geeignete Maßnahmen weiter zu behandeln. Retrospektiv betrachtet hatte der, schon bei der Geburt aufgetretene Schiefhals im Lauf der ersten sechs Lebensjahre bei Philipp zu ausgeprägten Verhaltensstörungen und funk-tionellen Haltungsstörungen geführt, die, wenn früher erkannt und osteopathisch und ma-nualtherapeutisch behandelt, ein normales körperliches und seelisches Wachstum zuge-lassen hätten. Dies hätte dem Kind und den Eltern viele Sorgen erspart. Ursächlich für die funktionelle Verschiebung der Halswirbelsäule im Säuglingsalter sind zu ca. 55 % traumatische Ereignisse während der Geburt und zu ca. 30 % Fehllagen des un-geborenen Kindes im Mutterleib verantwortlich. Nachfolgend einige körperliche Zeichen, die auf solch ein Ereignis hindeuten können: - Die Haltung des Kindes wirkt verkrampft und schief.
- Zwanghafter Schiefhals.
- Der Kopf ist zwanghaft nach hinten überstreckt.
- Kopfhalteschwäche.
- Schädelasymmetrie.
- Ungleichmäßiger Haarabrieb durch einseitige Kopflage.
- Fehlstellung der Füße bis hin zum Sichelfuß.
- Fehlentwicklung der Hüftgelenke, häufig sichtbar durch asymmetrisch verlaufende Glutealfalten.
KISS-Kinder haben häufig Einschlafstörungen, sie Schreien im Schlaf und finden keine Ruhe in ihrem Bettchen. Das Kind wehrt sich gegen Berührungen am Kopf, da der Nacken sehr Druckempfindlich ist. Sie raufen sich häufig die Haare. Es sind Kinder, die meist über die Maßen sabbern, da auf Grund der funktionellen Störungen im HWS-Bereich der Mund-schluss muskulär gestört ist. Häufig zeigen sich dann auch Schluckstörungen, denn ein ungestörter Mundschluss und ein richtiges, ungestörtes Schlucken setzen eine funktions-fähige Mund- und Schlundmuskulatur voraus. Bei einer Fehlstellung im HWS-Bereich ent-stehen muskuläre Störungen, die sich u. a. in die Schund- und Mundmuskulatur fortset-zen. Diese Kinder bekommen oft von ihren Müttern ganztägig ein Sabberlätzchen umge-hängt, ansonsten müsste mehrmals täglich das Jäckchen gewechselt werden. Auch sind diese Kinder häufig ängstlich, aggressiv, hyperaktiv und können sich schlecht konzentrie-ren. Das KISS-Syndrom wurde früher auch als Säuglingsskoliose bezeichnet, ein Begriff der erstmals 1953 von Gutmann geprägt und beschrieben wurde. Die Arbeit von Gutmann wurde von Biedermann weitergeführt. Er beschrieb in umfangreichen Arbeiten Symmet-riestörungen bei Kindern und prägte den Namen „Kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung“ (KISS). Sein Verdienst ist es, dass diese Störungen und ihre Therapie einer breiteren Öf-fentlichkeit publik gemacht werden und damit vielen Kindern mit ungeklärten, wie oben be-schriebenen Problemen, geholfen werden konnte. Abb. 9 zeigt die positive Haltungsver-änderung von Philipp nach zweimaliger Therapie der Kopfgelenke im Abstand von 4 Mo-naten. Die funktionskieferorthopädische Behandlung mittels Bionator hatte zu diesem Zeit-punkt noch nicht begonnen. Die direkte neuromuskulär reflektorische Wechselwirkung zwischen der Stellung des HWS-Bereiches, insbesondere der ersten drei Halswirbel, der sog. Kopfgelenke, auf die Stellung der Kiefergelenke, zeigt sich auch bei der Kieferzuordnung von Philipp vor und nach Atlastherapie dieses Bereiches (10a, b). Auch das Elektromyogramm der Schulter vor und nach Therapie des oberen HWS-Bereiches zeigt die deutliche Entspannung der Schulter nach dieser Manipulation (Abb. 11a, b). Einfachen, aber gezielte manualtherapeutischen Maßnahmen, wie der Atlasimpulstherapie nach Arlen, können innerhalb kürzester Zeit viel Unheil von einem jungen Menschen ab-halten, und das Erkennen solcher Störungen sein gesamtes späteres Leben bestimmen. Wenn man berücksichtigt, dass 85 % der sog. KISS-Kinder bereits bei der Geburt oder kurz danach erkannt werden könnten, kommt dieser Sichtweise eine herausragende Be-deutung zu. Im Hinblick darauf lohnt es sich, über diese Problematik nachzudenken und mit in differentialdiagnostische Überlegungen einzubeziehen. Je früher diese Therapie be-ginnt, sie ist schon im Säuglingsalter ohne Probleme durchführbar, umso günstiger ist es für die Entwicklung des Kindes. Je später, umso umfangreicher sind die erforderlichen the-rapeutischen Maßnahmen zur Beseitigung der Dysfunktionen, die sich auf Grund der Wir-belsäulenverschiebung und der daraus resultierenden Kieferfehlentwicklungen ergeben haben. Für den Physiotherapeuten, Orthopäden, Kinderarzt, Logopäden, Psychologen, ... ist es wichtig solche Dinge zu erkennen und es darf neben der Inspektion der Körperhal-tung die Inspektion der Kieferstellung und Kieferentwicklung nicht vergessen werden. Um-gekehrt sollte der Zahnarzt, der Kieferentwicklungsstörungen schon sehr früh erkennen kann, nicht die Augen vor einer frühzeitigen funktionskieferorthopädischen und myofunkti-onellen Behandlung verschließen und er sollte dabei entsprechende CO-Therapeuten zur Therapie der Wirbelsäulenprobleme hinzuziehen. Ein besonderes Augenmerk sollte auf ADS-Kinder gerichtet sein. Hyperaktivitäten bei Kin-dern sind wohlbekannt. Auch in der Vergangenheit haben solche kindliche Verhaltenswei-sen das Familienleben belastet, wie es schon 1945 in dem Buch des Arzt und Kinder-buchautor Heinrich Hoffmann „der Struwwelpeter“ mit der Geschichte des Zappelphilipps beschrieben wird. ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) wird heute auch als Zappelphi-lipp-Syndrom bezeichnet, da dieser Begriff die Verhaltensstörungen der unruhigen, un-konzentrierten Kinder sehr gut beschreibt. Die Behandlung solcher Störungen erfolgt ü-berwiegend medikamentös und verhaltenstherapeutisch. Häufig übersehen werden bei den betroffenen Kindern, dass Störungen des Wirbelsäulenbereich, besonders der oberen HWS vorliegen, bekannt unter dem Namen KISS-Syndrom. Die Verhaltensstörungen bei KISS-Kindern sind vergleichbar mit denen der ADS-Kinder. Eine kausale Therapie der Wirbelsäulenstörungen führt meist zum Verschwinden der Verhaltensstörungen und macht medikamentöse Interventionen überflüssig. Außerdem wird durch die kausale Therapie ei-ne physiologische Körper- und Kieferentwicklung ermöglicht. Es bleibt also wohl zu prüfen, ob bei symptomatisch behandelten ADS-Kindern nicht ein kausal zu behandelndes KISS-Syndrom vorliegen könnte. Nur im interdisziplinären Team sind diese Aufgaben wirklich befriedigend zu lösen (Abb.12, 13). Literatur und Informationen aus dem Internet: |                 {mosimage} |